Reizüberflutung

Er ist gespannt, was ihn noch erwarten wird, gleichzeitig kaum in der Lage, all das aufzunehmen, was ihm bereits begegnet. Seine Umgebung nimmt er undeutlich wahr, Licht und verschwommene Formen.

Reizüberflutung

Reizüberflutung

Er ist gespannt, was ihn noch erwarten wird, gleichzeitig kaum in der Lage, all das aufzunehmen, was ihm bereits begegnet. Seine Umgebung nimmt er undeutlich wahr, Licht und verschwommene Formen.

Ein Teil von ihm will vorsichtig mit seiner Umwelt kommunizieren, sie in Ruhe auf sich wirken lassen. Sie betrachten, aufnehmen. Stattdessen zieht sie in scheinbarer Windeseile an ihm vorbei, überschüttet ihn mit Eindrücken und Emotionen.

Fragmente von Gesichtern fliegen durch sein Sichtfeld, Münder, Nasen, Ohren, Augen, Haare, Wangen. Nur wenige der Menschen, an denen er vorbeigeht, nimmt er lange genug wahr, um flüchtigen Blickkontakt aufzunehmen. Ein Blick wird erwidert, er versucht, freundlich zu lächeln, ohne Erfolg, das Augenpaar ist schon längst hinter ihm verschwunden. An das Gesicht wird er sich nicht erinnern, das Bild ist längst vom nächsten verdrängt worden.

Fast unmöglich scheint es, in dieser grellen Landschaft sicher zu gehen, er ist überrannt von einer Mischung aus An- und Entspannung, Furcht und Vorfreude, Überforderung und Genuss. Der Weg erscheint wie eine Ewigkeit, jeder Schritt wie ein Wagnis. Eigene und fremde Emotionen stürmen durch sein Gehirn, die Reizüberflutung ist perfekt.

Die Unsicherheit ist drückend, er richtet sich auf, versucht, sich zu konzentrieren, kämpft sich weiter. Dann kommt das Ziel in Sicht, eine Tür, die letzten Meter, wie Lichtjahre erscheinen sie im ersten Moment, im nächsten hat er sie mit schnellen, unsicheren Schritten überwunden. Er versucht, nicht so verwirrt, überfordert zu wirken, wie er sich fühlt, öffnet die Tür und tritt hindurch.

Endlich. Die Atmosphäre ist entspannender, Dunkelheit bietet Schutz, er lässt sich in den Raum fallen. Zur Mitte hin bewegt er sich, er fühlt sich wohl, fast schon wie zu Hause, könnte man sagen, wäre er zu Hause nicht so weit hiervon entfernt. Dennoch, die Unsicherheit ist noch da, der Druck, die Angst. Eng ist es hier, eine letzte Wand muss durchbrochen werden. Schemen gleiten durcheinander, er tritt zwischen ihnen hindurch, in ihre Mitte. Angekommen.

Die allgemeine Reizüberflutung wird jetzt durch die enorme Lautstärke zunehmend abgedämpft. Seine Wahrnehmung verengt und erweitert sich zugleich. Nun steht er, ruht in der Umgebung, die weiter um ihn wabert. Alles vibriert, schwingt, er passt sich an, bewegt sich. Zaghaft fängt er an, wird immer mutiger, ausladender, offener. Gesichter schweben nach wie vor vorbei, jetzt erkennbar, manche verweilen lange genug, um sie ein wenig zu betrachten. Die Umgebung verliert ihre Schemenhaftigkeit, Menschen werden sichtbar. Die immer deutlicheren Formen schiebt er an den Rand seiner Wahrnehmung, versucht, sie auszublenden. Er kehrt zu sich selbst zurück, sein Geist entfernt sich von der Außenwelt. Seine Bewegungen werden sicherer, der Rhythmus dringt langsam tiefer in sein Inneres, er öffnet sich für die Reise.

In zunehmendem Einklang mit seiner Umwelt dringt diese auch wieder stärker in sein Bewusstsein. Grenzen lösen sich auf, nicht wie die verschwommene Fremdheit zuvor, es ist mehr eine Verschmelzung, ein Eingehen in die wabernde Masse. Gesichter und Körperteile kreisen um ihn, er um sie. Er schwimmt dahin, die Wellen werfen ihn nach hier und nach dort, während seine Füße sich kaum von der Stelle bewegen. Er berührt seine Umgebung, glatter Boden, warme Luft, Kleidungsstücke, Haare und Schweiß, männliche Kanten und weibliche Rundungen. Alles ist eins, das Licht, die Körper, die Luft, die unendlichen Weiten des Raumes, verbunden in der durchdringenden Allgegenwart der Musik.

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