Neuer ist schon lange nicht mehr besser

Zur Zeit meiner Diplomarbeit sprach ein Mitstudent etwas Weitreichendes aus, als er meinen Laptop betrachtete: „Der ist doch aber auch schon uralt, oder?“

Damals hatte mein Thinkpad X60t gerade einmal 4 Jahre auf dem Buckel. Ich gebe ja zu, für einen Computer ist das technologisch gesehen schon ziemlich alt. Aber man beurteilt doch neimand nach dem Äußeren, der Kleine war ein paar Tages immer einige CPU-Takte neben der spur-kein Wunder, wie sollte er es verstehen.

X60t - klein, leicht robust-form follows function

Ist der schon über das Verfallsdatum? – klein, leicht, robust- und form follows function

 
Wir wollen versuchen, uns in meinen Mitstudent hineinzuversetzen: Ich sehe einen schwarzen eckigen Kasten, sehr klein, aber recht dick, oh mein Gott, ein 4:3-Display; Design? Nun ja, industriell bis nicht vorhanden im Vergleich zu den „modernen“ Hochglanzgeräten, und wo ist eigentlich das Touchpad? Wir haben hier also den Lada Niva der portablen Rechentechnik vor uns – du kommst damit gut durch jedes Kriegsgebiet und eckst im Hotel an. Dafür nimmt er eine technologische Vorreiterrolle ein. Mittels drehbaren Display und elektromagnetischen Stift ist der kleine 12″ -Computer ein Convertable Tablet/ Ultrabook der nullten Stunde, welches zudem dank IBM-Wurzeln extrem robuist ist. Studium, stürze aus Auto oder Tischhöhe und Ganzkörperbewässerung hat er bei mir ohne murren hingenommen und wird dies auch noch eine Weile länger ertragen müssen.
 
Zurück zur Psychologie:
Das Hirn meines Kollegen schließt aufgrund seiner Erfahrungen = Werbungseinschläge: Das Ding muss alt sein und kann fast nix.

Der Leser kann sich vorstellen, wie der juge Mann staunen musste, dass dies Gerät Laptop und „sinnvolles“ Tablet ist – so ein drehbares Display hatte er noch nirgends gesehen, Tablets gibt’s doch erst seit wenigen Jahren, wie kann das denn sein? Und vor allem: Das sieht man ja alles auf den ersten Blick nicht, na so ne Sauerei!

Die Masse will Hochglanzgeräte, welche von der Obstfirma und ihren PR-Agenten zum Non-Plus-Ultra bei Computer und Co erklärt wurden und fleißig von den Konkurrenten kopiert werden. Hut ab, das muss man ihnen lassen, die ganze Welt ist hörig – also soweit gute Arbeit…

Damit hat die Menschheit also eine einheitliche Definition von „hochmodern“ bekommen. Schaut euch um, nahezu identische Stilelemente weist fast alles auf, was wir neu kaufen sollen. Das erste abwegige Suchergebnis, was ich ist fand: ein High-End-Plattenspieler. Oh ja, Plattenspieler, ultramoderne Technologie! Farbe schwarz glänzend, schlicht aber edel mit weißem Drehteller… sieht für mich einem Ei–Sonstwas nicht unähnlich.

Auch Ei-Coffe-Kaffeemaschinen habe ich entdeckt und ein Streifzug durch den Elektrodiscounter macht es regelrecht schwer statistische Ausreißer zu finden.

Nun haben wir von Kindesbeinen an gelernt, neue Dinge können mehr oder erfüllen zumindest ihre Aufgabe besser. Also sagt Auge an Großhirn „Modern“ und Großhirn sagt MEGADEAL! Natürlich in der Annahme von Lebens- oder Komfortverbesserung.

Dass dies objektiv immer seltener der Fall ist, durfte ich selbst anhand eines neuen Computers erleben: 
Überheblicherweise musste es die absolute Megamaschine sein, i7-Prozessor mit offenem Multiplikator, verrückte 32 GB RAM, große SSD-Festplatte, übelste Grafikkarte, ein Ding zum Welteinreißen eben, Asche auf mein Haupt.

Kiste zusammengebaut, Betriebssystem drauf und dann konnte der Spaß beginnen.

Spaß buchstabierte ich die nächsten Monate allerdings B S O D. Blue Screen Of Death. Der blaue Bildschirm mit kryptischem Hexadezimalcode als Fehlerbezeichnung, warum gerade alles abgestürzt ist, stürzte mich in den Wahnsinn. Die Ursachenforschung ermittelt:

Fehlerquelle A: Anschlusstecker für die Festplatten am Mainboard.
Auch die Hauptplatine war nicht billig, ihre Anschlüsse schon. Die SATA-Stecker saßen so wackelig in ihren Buchsen, dass das System im Betrieb die Verbindung zur Platte verlor, ergo Betriebssystem findet sich selber nicht mehr, während es läuft… AUS!

Na was hab ich mich gefreut, die Klapperanschlüsse mit viel Fingerspitzengefühl und Pappe unterfüttert, Problem gelöst, aber schwache Vorstellung von Herstellerseiten.

DENKSTE

Fehlerquelle B: Der RAM erzeugte beim Test mit einschlägigen Programmen Speicherfehler.

Um es kurz zu machen, die einzige Möglichkeit, keinen BSOD zu erzeugen, war das Herauslassen des 4. Ram-Riegels… na toll! Dann eben nur 24GB, sollte ja reichen, und den Riegel einfach irgendwo verstauben lassen.

Nun lief die Hütte, irgendwann stolperte ich dann über die Website des Mainboardherstellers, und siehe da, eine gar fürchterlich lange Liste der BIOS-Updates zum Download.

BIOS, quasi das Kellergeschoss der PC-Software, zum Einstellen aller möglichen Spezialistenspäße. Als ich klein war, kannte ich das schon, aber damals war das eben einfach da und hat funktioniert. Hier stell ich nun fest, dass mein Bios Version Nummer drei… 6 Nachfolger hat! Also ganz ehrlich, das jammert ja den Hund, oder? Version 9 aufzuspielen ließ mich meinen freundlichen RAM-Riegel dann wieder mitbenutzen… Dafür hatten sich die Menüstruktur und überhaupt alle Einstellmöglichkeiten komplett geändert, oh Mann! Zeit, die bis dahin verstrichen ist: Bestimmt 3 Monate.

Warum ist das so? Ich meine, bei neuen Handys, Computerprogrammen und Betriebssystemen haben wir uns leider sowieso daran gewöhnen müssen, aber folgen jetzt nach grundlegenden Computerkomponenten Waschmaschine, Mikrowelle und Auto nach? Scheint bald so.

Die Hersteller lassen ihren Entwicklern immer weniger Zeit bis zum fertigen Produkt. Das Stichwort ist hierbei „Time To Market“. Zitat Wikipedia:

Eine sehr kurze Time-to-Market ergibt insbesondere bei Produkten mit kurzem Produktlebenszyklus wie beispielsweise bei Produkten der Hochtechnologie einen Wettbewerbsvorteil, weil der Hersteller dann das Produkt als erster auf den Markt bringt und von den hohen Preisen profitiert, die Early Adopter zu zahlen bereit sind, und auch noch keine Mitbewerber den Preis unterbieten können. Hingegen kann bei zu langer TTM, wenn bereits zahlreiche Mitbewerber ähnliche Produkte liefern können, das Produkt nur mehr zu einem niedrigeren Preis verkauft werden oder es ist schon veraltet, wenn es auf den Markt kommt.

Das ist natürlich für alle Beteiligten blöd, Parole Produkt entwickeln und wenn es irgendwie halbwegs das tut, was es soll: Preisschild dran.

Danach kommt dann „We fix it in Software“, indem nach und nach alle Kinderkrankheiten von Elektronik und Software per Updates nachgebessert werden. Flickschusterei demnach, und die Entwicklungszeit, die ein Ding eben braucht, wird wahrscheinlich sogar in Summe mehr, nur ¾ dieser Zeit steht das Teil schon in der Wohnung.

Ich hoffe, nun nicht so schnell wieder etwas Neues kaufen zu müssen, um dieser Scheiße weitestgehend zu entkommen. Im Übrigen, sollte BIOS Version 13 herauskommen, bekommt mein PC zum Jubiläum einen Sonderbeitrag hier, mit minutiöser Auflistung der Dinge, die sich gegenüber Version 3 verbessert UND verschlechtert haben.

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blackengineer

blackengineerHier soll ich nun also Halbwahrheiten über mich verkünden: Es gab einmal den schönen Spruch "Wir sind die geworden, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben". Das trifft die Sache allerdings nicht unbedingt im Kern. Aber von vorn: Ich bin durch die Hölle gegangen, was in Fachkreisen auch "Studium der Elektrotechnik" heißt, und nun Ingenieur. Entgegen der landläufigen Meinung bin ich auch in der Lage, Dinge nicht ironisch auszudrücken (siehe letzter Satz), was aber für diesen Blog weitestgehend ignoriert werden darf. Das Studium fand in Dresden statt, wo ich auch meine Freundin Sarah fand, ohne die dieses Stück Internet nie entstanden wär. Ich bin ein vielinteressierter Geist und spiele gern mit Gedanken, Worten und... naja, hin und wieder auch gern Computer ;) Die Leidenschaft für alles, was mit Strom funktioniert, habe ich seit Kindesbeinen, was meinen Eltern sicher noch erschreckend bewusst sein dürfte, und da waren dichte beißende Lötdampfschwaden aus dem Keller, explodierende Kondensatoren vorm Frühstück und leidlich mit Tesafilm isolierte 230V-Stromkabelverbindungen (funktioniert bis heute!) noch harmlose Beispiele (man erinnere sich an den oben angebrachten Spruch) . Man ist mittlerweile professioneller geworden, stolzer Besitzer eines immer weiter wachsenden privaten Elektroniklabors und momentan - in Dublin: Der eigentliche Aufhänger für unseren Blog, wobei ich fürchte, dass dieser weiter wuchern wird, wenn wir im Dezember wieder deutschen Boden unter den Füßen haben. Was mache ich hier? Diese Frage wird ausführlich in den Artikeln dieser Site bearbeitet, nur kurz: Ich bin sowas wie die Geheimwaffe des Trinity Colleges für und gegen alle analogtechnischen Probleme und Entwicklungen. Eine letzte Frage sollte ich hier noch klären: WARUM DIESER NICK? ...Es begab sich, dass ich meine Hose wusch, und dieses kurzbeinige Exemplar schwarzer Baumwolle aus einem szeneeinschlägig bekannten Bekleidungsgeschäft trug diesen Namen. Klasse, dacht' ich mir, das passt zu dir – außerdem find' dich über Google keiner – dieser Nickname, das wird meiner.View all posts by blackengineer →

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