Mitbewohner und andere Katastrophen

Versteht das nicht falsch: Wir mögen unsere Mitbewohner. Sie putzen nicht gerne die Küche und verbrauchen eine halbe Flasche Spülmittel in drei Tagen, aber sind dafür umso sympathischer. Ein paar Probleme bereiten sie einem manchmal trotzdem.

Mitbewohner und andere Katastrophen

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Versteht das nicht falsch: Wir mögen unsere Mitbewohner. Sie putzen nicht gerne die Küche und verbrauchen eine halbe Flasche Spülmittel in drei Tagen, aber sind dafür umso sympathischer. Ein paar Probleme bereiten sie einem manchmal trotzdem.

Chronischer Chaotismus…

Wie bereits angedeutet, sind unsere Mitbewohner etwas chaotisch. Sie räumen eher ungern auf und Hinterlassenschaften früherer Bewohner werden lieber in eine Ecke geräumt als weggeschmissen; es ist auch durchaus möglich, dass wir die Ersten waren, die jemals gründlich das Bad putzten. Das ist nicht weiter schlimm und ein gewisser Chaotismus ist durchaus ein angenehmer Charakterzug. Hierzu kommt nun allerdings, dass die drei BrasilianerInnen hier sind, um die englische Sprache zu lernen, und somit gelegentlich noch Verständigungs-probleme haben. (Einer von ihnen hat eine deutsche Freundin, spricht aber nach eigener Aussage kein Deutsch abgesehen von einer recht unflätigen Aufforderung zum Oralverkehr (genauer Wortlaut ist den Autoren bekannt) und der Fähigkeit, sich, sofern der Aufforderung nachgekommen wurde, dafür zu bedanken.)

Topfdeckel auf Herdplatte

Dafür findet man hübsche Balancekunstwerke auf dem Herd.

…der uns 70 Euro im Monat kostet

Dieses Verständigungsproblem jedenfalls, gepaart mit einer gewissen Verpeiltheit, führte dazu, dass eine Mitbewohnerin sich hilfesuchend an uns wandte, in der Hand einen Kontoauszug, den sie offensichtlich seit einem halben Jahr nicht mehr näher betrachtet hatte. Aus diesem ging hervor, dass Internet und Fernsehen nicht mehr, wie es bis Mai der Fall gewesen war, 34,50 € im Monat kosteten, sondern sage und schreibe 69 €. Uns wurde erzählt, dass die anderen den Vertrag telephonisch abgeschlossen hatten, einen Vertrag in geschriebener Form gab es gar nicht oder jedenfalls hatte niemand davon gehört.

Da unser Englisch offensichtlich deutlich besser war als das der anderen, erklärten wir uns bereit, das Rätsel zu lösen. Irgendwo wurde noch ein Zettel mit einer Kundennummer aufgetrieben (beim Zettel handelte es sich um eine Mahnung) und über das Onlineportal konnten wir erste Anhaltspunkte finden. Wie befürchtet, hatten die anderen sich in einen Vertrag locken lassen, der vier Monate lang die Hälfte kostete – der Preis war also rechtens.

Beschriftungen finden sich hier auch viele, meist dort, wo man sie nicht braucht.

Beschriftungen finden sich hier übrigens auch viele, meist dort, wo man sie nicht braucht.

Schlimmer war, dass wir nicht nur einen Internetvertrag haben, sondern auch Telephon, eine Telephonflatrate und einen rätselhaften Zusatztarif für zubuchbare Premium-Fernsehsender. Wir haben in dieser Wohnung kein Telephon und es guckt nie jemand Fernsehen. Eine weitere verstörende Enthüllung des Onlineportals: über unseren Internetzugang werden monatlich etwa 150 GB heruntergeladen, wodurch unser Vertrag zusätzlich im Preis hochgestuft wurde. Dies muss nicht zwingend an dubiosen Machenschaften unserer Mitbewohner liegen, sondern kann auch daherrühren, dass die Passwörter und Zugangsdaten von Router und W-LAN im ganzen Jahr noch nie geändert wurden – wer weiß, was mit unserem Internet in diesem Haus mittlerweile so alles getrieben wird.

Wir änderten alle Passwörter und schrieben UPC in Hoffnung auf die Möglichkeit einer Kündigung, erfuhren aber, dass es sich, wie befürchtet, um einen einjährigen Knebelvertrag handelt – ein Internetanbieter, der die Möglichkeit hat, dem Kunden am Telephon alles zu verkaufen, da dieser es nur halb versteht, wird das wohl auch tun. Wir stellten fest, dass UPC zwar generell unheimlich teuer, aber dafür auch mehr oder weniger der einzige Internetanbieter in Dublin ist. Daher werden wir auf die uns großzügig angebotene Möglichkeit verzichten, gegen ein Entgelt von 200 Euro schon jetzt zu kündigen.

Dass mal jemand zum Geschirrspülen aufgefordert werden muss, kommt natürlich in jeder guten WG vor.

Dass mal jemand zum Geschirrspülen aufgefordert werden muss, kommt natürlich in jeder guten WG vor.

Youtube-Videos brennender Balkone

Ein weiterer interessanter Vorfall begab sich, als es gestern plötzlich an der Wohnungstür klingelte. Draußen stand ein Mann, der erzählte, „there was a complaint“, es habe eine Beschwerde gegeben. Ohne weitere Umschweife zückte er sein iPhone und zeigte uns ein Youtube-Video, auf dem ein Balkon zu sehen war, der lichterloh in Flammen zu stehen schien. Es handelte sich um den überdachten Balkon, auf dem wir uns gerade befanden, und das, was dort meterhoch brannte, konnte durchaus der dort auch jetzt noch stehende Grill sein. Wir erklärten wahrheitsgemäß, dass wir erst seit ein paar Tagen hier wohnten und von nichts wussten, und bestätgten zumindest halb wahrheitsgemäß seine Schlußfolgerung, es müssten also wohl die Vormieter gewesen sein. Mit der Bitte, den Grill zu entsorgen und derartige Brandstiftung künftig zu unterlassen, verließ uns der Mann.

Als unsere Mitbewohner zu späterer Stunde heimkehrten und wir ihnen die Begebenheit erzählten, erfuhren wir, dass kürzlich wohl der Geburtstag unserer Vormieterin gefeiert und dabei gegrillt worden war. An bis zur Decke reichende Flammen wollte sich jedoch niemand erinnern können.

About the Author

Sarah Ziegler

Sarah Zieglerstudiert Anglistik und französische Romanistik in Dresden, begeistert sich neben dem Lehramtsstudium fürs Übersetzen und Schreiben, lebte letztes Jahr einige Zeit für ein Übersetzungspraktikum in Dublin und ist momentan in Frankreich WWOOFen. Fasziniert von Katzen, schönen Wörtern, verlassenen Gebäuden, nachhaltigen Lebensweisen, alten Filmen, Photographie, schwarzem Humor und nächtlichen Sommergewittern.View all posts by Sarah Ziegler →

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