Porridge, Kompostklos und Nacktbaden im Winter: Das Leben in Can Decreix

Klopapier21

Seit eineinhalb Monaten bin ich nun bereits in Can Decreix und habe so viel erlebt, dass es schwerfällt, alles zusammenzufassen. Ich habe Oliven gepflückt, Brot gebacken, im Kompost gewühlt,  katalanische Volkstänze getanzt und viele tolle Menschen kennengelernt. Heute möchte ich erzählen, warum Komposttoiletten nicht stinken (zumindest meistens), Waschmaschinen überflüssig sind und man Kakteen zwar essen kann, aber nicht streicheln sollte.

Kompostklo

Can Decreix ist alles, aber nicht langweilig. Eine WWOOFerin beklagte sich, es gäbe hier zu wenig Dekoration – dabei versteckt sich doch überall moderne Kunst…

Auch wenn Can Decreix gern als „das kleinste Dorf ohne Auto“ beschrieben wird, ist das Gelände nicht riesig. Neben dem Haus gibt es einen Werkzeugschuppen und ehemalige Garagen, die nun als Sommerküche, Schlafsaal, Werkstatt und Fahrradschuppen genutzt werden. Das gesamte Grundstück besteht aus mit Trockenmauern angelegten Terrassen, sich hochschlängelnden Wegen und Treppen, die jedes Verlassen des Hauses zu einer sportlichen Aktivität machen. Die wenigen ebenen Flächen sind als Beete angelegt, während auf den Hängen Obstbäume und Weinreben gepflanzt wurden, die später einmal vor dem Wind schützen, Schatten und Früchte spenden sollen.

Portbou Strand

Meer und Berge: eine schönere Gegend kann man sich kaum wünschen

Wind gibt es hier nicht wenig, und vor allem im Winter weht er oft kalt und erbarmungslos. Die Tramontane, der sagenumwobene Nordwind der Region, weht meist an mehreren Tagen pro Woche und fegt mit Böen von bis zu 160 km/h alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Wenn man an einem solchen Tag den Fehler macht, mit dem Fahrrad in der hügeligen Landschaft unterwegs zu sein, freut man sich, wenn der Wind in die Richtung weht, in der sich neben der Straße kein Abgrund befindet.

Sehenswürdigkeit von Cerbère: ein von Gustave Eiffel entworfenes Tunnelnetz

Typisch Cerbère: das von Gustave Eiffel entworfene Tunnelnetz

 

Bahnhof Cerbère

Ich liebe es, abends draußen zu stehen und das Treiben am Bahnhof zu beobachten…

Abgesehen von dem Wind ist es meist sonnig und südlich warm. Cerbère befindet sich in einer Art Mikroklima: Wetterberichte stimmen so gut wie nie und wenn es in der Umgebung regnet, scheint hier die Sonne. Die Vegetation ist typisch mediterran und man kann Pinien und Olivenbäume, riesige Kakteen und eindrucksvolle Agaven mit meterhohen Blüten bewundern.

Noch ist die Agave klein, doch die Blüte wird viele Meter hoch – groß genug, um den Rest absterben zu lassen.

Noch ist die Agave klein, doch die Blüte wird viele Meter hoch, groß genug, um den Rest absterben zu lassen.

Ich glaube, ich habe vorher noch nie einen ausgewachsenen Zitronenbaum gesehen.

Ich glaube, ich habe vorher noch nie einen ausgewachsenen Zitronenbaum gesehen.

Cerbère wirkt im Winter ziemlich verlassen, doch die zwei, drei Kneipen und Geschäfte, die trotzdem geöffnet sind, werden umso mehr zum Treffpunkt für die Bevölkerung und man hat schnell das Gefühl, dass hier jeder jeden kennt. Doch auch unter Unbekannten grüßt man sich freundlich auf der Straße, anstatt einfach aneinander vorbeizugehen. Ich finde es angenehm, dass Begrüßungen hier nicht als lästige Pflicht, sondern als ehrlich gemeint erscheinen und oft mit der Anrede „Madame“ oder „Monsieur“ verbunden werden – eine höfliche und wertschätzende Form der Anrede, für welche im Deutschen ein wenig die Entsprechung fehlt, sofern man den Namen einer Person nicht kennt und Formulierungen wie „Guten Tag, mein Herr“ zu altmodisch findet. (Dass man sich im Bahnhofskiosk von Carcassonne weigerte, mir einen Euro zu wechseln und ich deshalb Schokolade kaufen musste, die ich nicht wollte, um die einzig vorhandene Toilette nutzen zu können, fand ich trotzdem unhöflich.)

Klospülung? Unnötig!

Eine Toilette, die nie verstopft, die Benutzung einer Klobürste unnötig macht und keinen Milliliter Wasser verbraucht – wer würde das nicht wollen? Diese Toilette existiert, doch ihre Erfolgsgeschichte ist bisher leider eher verhalten. So sind es nicht wenige, die beim Stichwort „Komposttoilette“ mit einem irritierten und leicht angewiderten Blick reagieren, während vor ihrem inneren Auge die Vorstellung eines schlecht gepflegten mittelalterlichen Plumpsklos entsteht. Nein, eine ordentliche Toilette, das muss schon sein. Aus weißem Porzellan und mit funktionierender Spülung, die alles, was ihr anvertraut wird, möglichst rasch und rückstandsfrei auf Nimmerwiedersehen verschwinden lässt. Wie kann man denn auch auf den abartigen Gedanken kommen, sich mit den eigenen Hinterlassenschaften je ein zweites Mal befassen zu wollen?

Man kann. Und das hat auch durchaus seinen Sinn. Im Gegensatz zu einer Spültoilette muss der Inhalt eines Kompostklos nicht mit einer Unmenge Wasser durch die Kanalisation gejagt werden, um dann mühsam gereinigt zu werden und trotzdem Rückstände im Wasserkreislauf zu hinterlassen, sondern wird von Mikroorganismen auf natürliche und erstaunlich flinke Weise zersetzt, um danach Obstbäume zu ernähren.

Komposttoilette

Das Ganze funktioniert ziemlich einfach. Die hiesigen selbstgebauten Kompostklos bestehen aus großen Plastikbottichen, über die mit Holzbrettern eine Klobrille gezimmert wurde, so dass man sich bequem wie auf ein normales Klo draufsetzen kann. In den Bottich kommt eine dicke Schicht Holzspäne, in unserem Fall der kleingehächselte Holzschnitt vom Weinberg des Nachbarn und somit Zweige, die sonst verbrannt worden wären. Urin wird idealerweise getrennt gesammelt (sonst stinkts schneller) und „gespült“ wird, indem man sein Geschäft mit einer Schaufel Holzspäne bedeckt. Wenn es ordentlich gemacht wird, ist das Klo fast geruchlos und nur das allwöchentliche Ausleeren in den großen Kompostbehälter ist nicht zwingend die angenehmste Tätigkeit, aber dafür auch in fünf Minuten erledigt. Zurzeit bauen wir an einem Klo, das groß genug sein wird, um nicht geleert werden zu müssen, und das einem außerdem eine wunderbare Aussicht auf die Landschaft bietet.

Komposttoilette

Ökologisches Bauen für Pinkeln mit Landschaftsblick

 

Duschen fürs Gemüse

In Can Decreix gibt es nur eine Dusche, was bei bis zu zehn Bewohnern wenig klingen mag. Tatsächlich genutzt wird sie jedoch fast selten: nur wenige duschen täglich und genausowenig gibt es jeden Tag warmes Wasser. Das heißt allerdings nicht, dass hier alle ungewaschen herumlaufen würden – vielmehr herrscht die gesunde Auffassung, dass ein Mensch nicht dreißig Liter Wasser am Tag über sich kippen muss, um sauber zu sein. Ein Waschlappen, kaltes Wasser und Seife tun es im Zweifelsfall genauso. Dass die Bequemlichkeit darunter etwas leidet, ist nicht ganz falsch, aber letztendlich ist es nur eine Sache der Gewohnheit und manchmal ist es gut, sich dessen bewusst zu werden, welchen Luxus wir in unserem Alltag leben.

Can Decreix Dusche

Das Wasser der Dusche fließt über einen Schlauch direkt ins Gemüsebeet – hier bleibt nichts ungenutzt. Damit keine Chemikalien in die Erde gelangen, ist es verboten, Duschgel, Shampoo oder ähnliche Produkte mitzubringen. Stattdessen gibt es aus Olivenöl und Pottasche hergestellte savon noir und selbstgemachtes Kastanienshampoo, dessen unheimlich einfaches Rezept ihr im nächsten Artikel erfahren werdet ;-) Momentan bauen wir an einer mit Solarthermie beheizten Dusche, so dass es hoffentlich bald auch ohne Strom Warmwasser gibt.

Wäschewaschen oder die simple Alternative zum Fitneßstudio

Wenn Besucher vor der Abreise gefragt werden, was ihnen in Can Decreix nicht gefallen hat, sagen sehr viele: „Die Waschmaschine.“ Dies liegt wahrscheinlich daran, dass es keine gibt, abgesehen von der, die im „Museum der unnützen und überflüssigen Dinge“ von Can Decreix neben Kühlschrank, Klospülung und Fernseher langsam vor sich hin rostet. Dreckige Wäsche ist ein relativ unvermeidbares Übel, doch man braucht im Zweifelsfall weder Strom noch Warmwasser, um sie sauber zu kriegen.

In der Sonne wird die Wäsche in kürzester Zeit trocken, wenn sie nicht vorher vom Wind ein paar Dutzend Meter weiter getragen wird.

In der Sonne wird die Wäsche in kürzester Zeit trocken, wenn sie nicht vorher vom Wind ein paar Dutzend Meter weiter getragen wird.

Der Freitagvormittag wird der Hausarbeit gewidmet und ist gleichzeitig gemeinschaftlicher Waschtag. Als Wasch“maschine“ dient ein großer Zinkbottich, in dem die Wäsche mit Regenwasser und an dicken Holzstangen befestigten Pömpeln (ja, das sind die Saugdinger, mit denen man das Klo entstopft) nach dem Prinzip des Hirsestampfens gewaschen wird. Sofern es sich nicht um weiße Wäsche handelt, ist die Methode ziemlich effektiv, aber anstrengend: Pro „Waschgang“ wird die Wäsche hundertmal durchgewalkt, was je nach Menge und Schmutzigkeitsgrad mindestens viermal wiederholt wird. Danach merkt man sehr deutlich in den Armen, was man gemacht hat…

Ja, es macht Spaß! Die spanische WWOOFerin Núria beim Wäschewaschen

Macht trotzdem Spaß: Die spanische WWOOFerin Núria beim Wäschewaschen

Abseihen der Aschenlauge

Abseihen der mit Lavendel versetzten Aschenlauge

Als Waschmittel dient Aschenlauge, die aus der Asche des Holzfeuers gewonnen wird. Sie herzustellen ist sehr einfach: Die Asche wird mit Wasser gemischt mindestens 5 Tage stehengelassen, woraufhin man die Flüssigkeit abschöpft oder abseiht und in Flaschen füllt. Da sie die Haut angreift und stark entfettend wirkt, sollte man sie möglichst nicht berühren beziehungsweise sich nach Hautkontakt die Hände waschen und mit Olivenöl einreiben. Zunutze machen kann man sich diese Wirkung beim Geschirrspülen: Die übrigbleibende Aschenpampe eignet sich hervorragend, um besonders dreckige Töpfe damit zu schrubben.

Porridge und das tägliche Gemüse

Dass die selbstgewählte Einfachheit ein zentrales Element des Lebens in Can Decreix ist, wird auch beim Essen deutlich. Als logische Konsequenz der Postwachstumsidee wird nichts konsumiert, was von weit weg kommt oder industriell hergestellt wurde. Somit gibt es grundsätzlich nur Lebensmittel der Saison oder solche, die als Konserven (Marmelade, Oliven) oder in gelagerter Form (Kartoffeln) vorhanden sind. In unzähligen Gläsern, in welchen sich selten das befindet, was auf dem Etikett steht, warten Feigenkompott, Rosmarinzweige, Traubensirup oder getrocknete Rosinen darauf, verspeist zu werden. Tierische Lebensmittel sind zwar nicht „verboten“, aber ein sehr seltener Luxus: gelegentlich schenken uns unsere hühnerhaltenden Nachbarn ein paar Eier oder es wird ausnahmsweise ein Stück Käse gekauft. Da bisher noch nicht genügend Obst und Gemüse zur Selbstversorgung angebaut werden kann und der Anbau von Getreide hier kaum möglich wäre, kaufen wir jeden Freitag im spanischen Nachbarörtchen Portbou bei einem alten Bauernpaar auf dem Wochenmarkt ein. Die Preise sind dort deutlich niedriger als in Frankreich und oft können wir uns mit 20 € für eine Woche versorgen. Da es hier kein Auto gibt und der Weg wenig fahrradgeeignet ist, nehmen wir den Zug oder laufen die einstündige Strecke zu Fuß.

WWOOF Cerbere

Das Frühstück à la Can Decreix hat mit einem typisch französischen Kaffee-und-Croissant-Frühstück nicht viel gemeinsam. Jeden Morgen wird Porridge gekocht, das mit selbstgetrockneten Rosinen und Feigen oder Kaktussirup gesüßt wird. Alternativ gibt es Sauerteigbrot, welches jeden Abend im Holzfeuer gebacken wird und schon am Morgen des vorigen Tages vorbereitet werden muss. Dabei ist es gar nicht so einfach, den Sauerteig am Leben zu halten (erinnert ihr euch noch an den „Herrmann“, den man immer füttern musste?) und das Brot bei der richtigen Temperatur erfolgreich gehen zu lassen, im richtigen Moment in den Ofen zu stellen und unverbrannt wieder rauszuholen. Anstelle von Salz kommt ein Schluck Meerwasser ins Brot und mit dem Rezept wird gerne experimentiert, indem beispielsweise ein Teil des Vollkornmehls durch Linsensprossen oder ein Teil des Wassers durch Wein ersetzt wird (über das Geschmacksergebnis waren wir beim Weinversuch geteilter Meinung).

Sauerteig

Der Sauerteig muss täglich gefüttert werden

Essen im gusseisernen Topf

Ganz Can Decreix-untypisch habe ich mit etwas Chili gewürzt.

Der Ofen wird nicht nur fürs Brot genutzt, sondern dient gleichzeitig als einzige Heizung und als Herd. Zum Abendessen gibt es fast täglich Gemüse und Kartoffeln aus dem Ofen: beides wird vorzugsweise ungeschält und ohne Wasser in ein gusseisernes Gefäß gegeben, zugedeckt und für 30 bis 45 Minuten direkt oder auf einem Dreifuß in die Glut gestellt. Wenn man es schafft, nichts anbrennen zu lassen, bekommt das Gemüse auf diese Weise einen unheimlich intensiven und leckeren Geschmack: ich hätte nie gedacht, dass mich eine Mahlzeit so begeistern könnte, die als einziges Gewürz Olivenöl enthält…

Essen auf dem Ofen

Sobald genügend Glut da ist, kommt das Essen in den Ofen

Sowohl Linsen und Bohnen als auch Reis und Getreide weichen wir vor jeder Verwendung mehrere Tage ein und lassen sie keimen. Die entstehenden Sprossen sind nicht nur besonders vitaminhaltig, sondern auch sehr lecker und lassen sich in viel kürzerer Zeit kochen. Alternativ kommen sie ins Brot oder in den Salat, der im Garten gepflückt wird und nur aus Wildpflanzen besteht. Fast alles, was hier draußen wächst, kann man essen: Kapuzinerkresse, wilden Kohl, Vogelmiere, Löwenzahn… nach einer Weile sieht man bei einem Spaziergang überall nur noch Salat.

Gemüsebeet Wildpflanzen

Sieht aus wie Unkraut, ist aber das Gemüse

 

Einige der Pflanzen gibt es auch in Deutschland und die meisten haben ein Vielfaches des Vitamingehalts von Zitronen oder anderen als besonders gesund bekannten Früchten, was mich hoffentlich dazu bringen wird, nie mehr Salat zu kaufen, wenn ich einen Garten mit Unkraut in der Nähe habe.

Rezept: Wildpflanzensalat „Can Decreix“
  • Eine große Schüssel essbares Nicht-Unkraut sammeln. Genauere Angaben können nicht gemacht werden, denn jeder Garten ist anders. Im Bedarfsfall vorher ein Wildpflanzenbuch kaufen oder jemanden, der sich mit Pflanzenbestimmung auskennt, um Rat fragen.
  • Ein paar Handvoll Linsen- oder andere Sprossen hinzugeben, die bereits ein paar Tage gekeimt haben. Hierzu braucht es kein Buch: Linsen über Nacht einweichen, Wasser abgießen und zweimal täglich mit klarem Wasser durchspülen.
  • Möhren, Kohl, Haselnüsse, Walnüsse, Zwiebeln und Frühlingszwiebeln kleinschnippeln und dazukippen. Die Zutaten können beliebig mit anderen verfügbaren Dingen ausgetauscht werden.
  • Für die Vinaigrette mehrere Knoblauchzehen pressen und mit einem Teelöffel Honig und zwei Esslöffeln Senf in ein Schälchen geben. Zwei bis drei Esslöffel Weinessig, etwas Pfeffer und viel Olivenöl hinzugeben (frei Schnauze würde ich auf etwa 12 Eßlöffel tippen). Mit einer Gabel aufschlagen. Falls sich keine cremige, gleichmäßige Emulsion bildet, sondern Öl und restliche Zutaten in seltsamen Tropfenformationen umeinanderfließen, ein paar Tropfen Wasser in eine Ecke geben und von dort weiterschlagen. (Diese Soße ist auch wunderbar geeignet, um Artischocken zu tunken.)
  • Alles mischen und sich darüber freuen, dass jede Pflanze anders schmeckt.

 

Auch wenn sie nicht so aussehen, ist auch das Innere der Kakteen essbar, vor allem ihrer Früchte. Wer beim Versuch nicht vorsichtig ist und weiß, wie man vorgehen muss, wird allerdings bestraft: Die hauchfeinen und teilweise fast unsichtbaren Stacheln hängen sich wie kleine Widerhaken in Haut und Kleidung, zerbrechen dabei und lassen sich auch aus Handschuhen nicht mehr vernünftig entfernen. Aus den Früchten gewinnt man Sirup oder Saft, der sich zu einem eigentümlich schmeckenden „Champagner“ vergären lässt.

Kakteen

Junge Kakteen: sehen zwar kuschlig aus, aber jeden Versuch, sie zu streicheln, wird man später bitter bereuen

 

Kaktusfrucht

Tanz, Gesang und Nacktbaden im Winter

Das, was das Leben in Can Decreix am meisten prägt, ist das Zusammenleben mit anderen. Can Decreix war von Anfang an als Gemeinschaft gedacht, und als solche ist es mehr und gleichzeitig sehr anders als ein Gästehaus oder eine WG. Im Sommer sind oft 10-15 Leute da und auch jetzt sind wir selten weniger als zu fünft. Auch wenn abgesehen von François die hier wohnenden Menschen ständig wechseln, fühlt man sich in jeder sich gerade ergebenden Zusammensetzung nach ein paar Tagen wie eine kleine Familie und hat das Gefühl, diese Menschen würden schon seit Jahren zum eigenen Alltag gehören. In der bunten Mischung aus WWOOFern, Freunden von François und anderen Besuchern, darunter nicht wenige, die zum wiederholten Male hier sind, wird man sofort herzlich aufgenommen. Es hinterlässt ein seltsames Gefühl, wenn andere abreisen und man weiß, dass man sie wahrscheinlich nie wiedersehen wird, falls sich die Wege nicht zufällig bei einem zukünftigen nächsten Besuch in Can Decreix kreuzen.

Das fast völlige Fehlen von Privatsphäre war eines der Dinge, an die ich mich in den ersten Tagen etwas gewöhnen musste. Übernachtet habe ich die meiste Zeit in einem Zimmer mit vier Betten und in den Gemeinschaftsräumen ist man nie allein, selbst die Dusche ist nur durch einen Vorhang abgetrennt. Da fast immer irgendjemand am Arbeiten ist und Hilfe gebrauchen kann, muss man lernen, sich auch Zeit zum Ausruhen zu nehmen.

Tanz in Can Decreix

Gelegentlich verzögerte sich das Abendessen durch spontane Tanzeinlagen.

Nichtsdestotrotz ist das Gemeinschaftsleben eine sehr schöne Erfahrung. Abends wird nach dem gemeinsamen Essen oft Musik gespielt, gesungen und getanzt und jeden Montag kann man mit den alten Dorffrauen traditionelle katalanische Tänze einstudieren. Die schönen Landschaften laden zum Spazierengehen ein und selbst im Januar waren wir öfters am Strand. Angesichts der Wassertemperatur von 13°C zögerte ich zuerst, doch dann tat ich es den anderen gleich und warf mich todesmutig nackt in die Fluten. Das eiskalte Wasser gab mir das Gefühl, tausend kleinen Stromschlägen gleichzeitig ausgesetzt zu sein und beim Herausgehen spürte ich das Handtuch auf meiner Haut nicht mehr, aber ich fühlte mich umso lebendiger.

Was ist schon normal?

Neben der körperlichen Arbeit wird auch Wert auf Diskussionen und Reflexion gelegt und es gibt regelmäßige Gespräche sowohl darüber, was man in Can Decreix ändern kann, als auch über unsere eigenen Lebenswege und unser Suchen und Versuchen auf dem Weg zu einer alternativen Lebensweise. Es ist interessant, den anderen zuzuhören, denn kaum jemand, der für längere Zeit hierherkommt, hat einen „normalen“ Lebenslauf vorzuweisen. Die meisten haben ein Studium abgeschlossen, doch viele beschlossen an irgendeinem Punkt, dass sie kein gewöhnliches Arbeitsleben mit Acht-Stunden-Tag innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft führen wollten, sondern aus den vorgeformten Bahnen ausbrechen und herausfinden, welches Leben sie wirklich wollen und wie sie dieses führen können, ohne zum Mitgrund für die ökologischen und sozialen Mißstände dieses Planeten zu werden. Einige haben bereits in anderen Ökodörfern oder alternativen Gemeinschaften gelebt oder verbringen bereits mehrere Jahre mit WWOOFing oder auf Reisen. Allen ist gemeinsam, dass die eigene Zukunft noch offen ist: Die Frage „Was wirst du nach deiner Abreise / in einem Jahr / langfristig einmal tun?“ wurde fast immer mit Schulterzucken beantwortet, und nach einer Weile kam sie einem überflüssig vor. Wir alle waren Suchende und Lernende, denen das Leben zu schade war, um es nicht auf eine Weise zu verbringen, die wir als erfüllend und sinnvoll empfanden.

Auch in bezug auf das eigene Äußere sieht in Can Decreix niemand die Notwendigkeit, sich an das allgemein Akzeptierte anzupassen. Während der Arbeitstage stört es keinen, jeden Tag die gleichen Klamotten zu tragen, bis sie dreckig sind und gewaschen werden, und was praktisch und bequem ist und einem selbst gefällt, muss keinen modischen Ansprüchen standhalten. Natürliche Schönheit wird vor jedem Make-up bevorzugt und Schmuck trägt man – wenn überhaupt – vor allem, um sich selbst und nicht den anderen zu gefallen, und die Arbeit im Freien würde ohnehin jeden Versuch, sich herauszuputzen, wieder zunichte machen. Unnötig zu sagen, dass sowas wie Nagellack hier ziemlich nutzlos wäre, genau wie jegliche Maniküre, die über das Schrubben mit der Nagelbürste hinausgeht.

Nein, das ist nicht kaputt. Das muss nur repariert werden.

In Can Decreix lernt man, damit aufzuhören, solche Dinge zu sagen wie „ich kann das nicht“, „das geht nicht“ oder „das kann man nicht mehr benutzen, das ist kaputt“. Dass man eine Tätigket vorher noch nie gemacht hat, bedeutet selten, dass man darin nicht gut sein kann. Wichtiger ist, an dem Punkt nicht aufzuhören, es zu versuchen, kreativ und erfinderisch zu sein und in allem die Lösung statt des Problems zu sehen.

Ich habe während meiner Zeit in Can Decreix Bäume gepflanzt, ohne jegliche maschinelle Hilfsmittel halbmetertiefe Löcher in steinigen Boden gegraben, Brot gebacken, Olivenbäume gepflegt, Weinreben beschnitten, Holz bearbeitet, Kompost umgeschichtet  und viele andere Arbeiten erledigt, die nach einer kurzen Einführung bald in meiner eigenen Verantwortung lagen. Abgesehen von einigen Textübersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche, die ich für die Research&Degrowth-Webseite angefertigt habe, war nichts davon mein üblicher „Tätigkeitsbereich“. Wenn man mit dem zurechtkommen muss, was da ist, und dabei auf sich selbst gestellt ist, fängt man an nachzudenken, kreative Wege zu finden und sich Dinge selbst beizubringen, anstatt immer darauf zu warten, dass jemand kommt, der weiß, wie es geht. Ähnlich ist es beim Reparieren von Gegenständen: Als ich eine Gartenschere in der Hand hielt, die aufgrund eines fehlenden Teils nicht mehr benutzbar war, wollte ich mir, ohne sie näher zu betrachten, bereits eine andere holen, als mir die Idiotie dieses Handelns bewusst wurde. Was nützte es irgendjemandem, wenn die Schere ewig ungenutzt herumlag und von jedem wieder beiseite gelegt wurde?

Ich sah mir die Schere näher an, hatte sie nach fünf Minuten mit einem Stück Holz repariert und ärgerte mich über meine vorige Denkweise. Ich dachte darüber nach, dass wir heutzutage viel zu sehr darauf trainiert sind, wegzuschmeißen und neu zu kaufen anstatt zu reparieren, sowohl bei unseren Klamotten und Haushaltsgegenständen als auch bei elektronischen Geräten und vielleicht sogar bei unseren Beziehungen. Natürlich handeln nicht wenige Menschen anders, doch ich habe es oft genug erlebt, dass ein defektes Fahrrad, Handy oder Küchengerät in der Ecke liegt und auf Nachfrage nur die Antwort kommt „Ach, das ist kaputt, wir haben jetzt ein neues“, ohne dass je jemand versuchte herauszufinden, was denn eigentlich kaputt ist. Man  neigt dazu, schnell zu sagen, „ich kann das nicht“, und jemand anderes etwas machen zu lassen, anstatt es selbst auch nur zu versuchen: Wenn ein Wasserhahn tropft, wird der Klempner gerufen, ohne dass einem der Gedanke kommt, dass man den Dichtungsring vielleicht in 10 Minuten auch selbst gewechselt hätte, und bei Computerproblemen wird der Fachmann gerufen, anstatt wenigstens versuchsweise die Fehlermeldung in Google einzugeben. In den letzten Wochen habe ich erfahren, dass kaum etwas je so kaputt ist, dass man es nicht reparieren oder einem anderen sinnvollen Zweck zuführen könnte, und dass man viel mehr selber machen kann, als einem Werbung und Supermärkte mit Fertigprodukten vorgaukeln. Can Decreix hat mir viele Denkanstöße in die richtige Richtung gegeben.

Ein schönes Plädoyer für die Humustoilette, welche somit schon 1975 berühmte Verfechter hatte, ist das Manifest „Die heilige Scheiße“ von Friedensreich Hundertwasser. Eine Leseempfehlung für alle, die sich durch die inflationäre Verwendung des Wortes „Scheiße“ nicht gestört fühlen.

About the Author

Sarah Ziegler

Sarah Zieglerstudiert Anglistik und französische Romanistik in Dresden, begeistert sich neben dem Lehramtsstudium fürs Übersetzen und Schreiben, lebte letztes Jahr einige Zeit für ein Übersetzungspraktikum in Dublin und ist momentan in Frankreich WWOOFen. Fasziniert von Katzen, schönen Wörtern, verlassenen Gebäuden, nachhaltigen Lebensweisen, alten Filmen, Photographie, schwarzem Humor und nächtlichen Sommergewittern.View all posts by Sarah Ziegler →