Irischer Behördenjungle oder: der lange Weg zum Gehalt

Irischer Behördenjungle oder: der lange Weg zum Gehalt

Es war ein mal eine kleine Insel mit einer berühmten Hochschule. Diese war ja auch durchaus willens, unserem Autor einen monatlichen Obulus zuzustecken. Wären da nicht Hürden und Stopersteine der Bürokratie.

In diesem Artikel geht es um das gemeine Bankwesen, die internationale Vereinheitlichung von Bürostuhlakrobatie und die Notwendigkeit von Bestimmungen mit fragwürdigem Sinn und/oder Intelligenz.

Der Weg zum Gelde sei einfach, so wurde mir zugetragen, als ich am Trinity anfing. Ich könne zwar ein Konto in Irland eröffnen, was die 4 € Abbuchgebühr der Sparkasse beim Gang zum Geldautomaten erübrigen würde, allerdings stelle man mir sonst einfach einen Scheck aus.

Easy…

ABER ich bräuchte erst einmal eine PPS-Nummer, eine Art Sozialversicherungsnummer also. Ganz klare Sache, da muss ich nur zur entsprechenden Behörde und schon bin ich fertig.

Dummerweise, und darauf werde ich hier noch häufiger zurückkommen, braucht man überall einen sog. Proof of Residence. Zum Beweise, dass ich dort wohne, wo ich wohne, nimmt man hier sehr gerne so unheimlich fälschungssichere Unterlagen wie eine Stromrechnung auf seinen Namen oder dergleichen. Da ich aber nicht die geringste Lust hatte, in unserer etwas verpeilten WG (siehe andere Artikel dieser Site) auch nur bei irgendeiner Rechnung als Name aufzutauchen und ein Scanner-Tintenstrahldrucker zur phantasievollen Neugestaltung einer solchen Rechnung nicht auffindbar war, fiel diese Variante damit aus.

Das PPS-Office gibt sich dankenswerterweise aber auch mit einem Zettel vom Arbeitgeber zufrieden, auf dem dieser versichert, dass ich dort wohne, wo ich wohne. Problem gelöst: ganz locker in der Mittagspause mit meiner Chefin einen solchen Schriebs produzieren, Trinity-Siegel reinkopieren, unterschreiben, fertig.

Entgegen meinen Befürchtungen benötigte ich für die PPS-Anmeldung dann auch nur 10 Minuten, wobei 4 Minuten darauf verwendet wurden, das Schild im Office an der Tür („PPS-Anwärter um die Ecke links“) so richtig zu deuten, dass man noch einmal um den kompletten Block rennen muss. Es hätte dennoch schlimmer kommen können. Ich sollte jetzt zwar auch nachts um 4 am Sonntag die Marke meines ersten eigenen Autos und die Stadt, in der ich meinen ersten Job hatte, wissen, falls die mich anrufen und die Sicherheitsquestions asken. Zudem flatterte noch eine Chipkarte ins Haus, von deren Photo ich etwas mondsüchtig herausschiele, als ob ich keine Ahnung hab, was ich mit dieser machen soll, der einzige Hinweis: Keep Carefully!

Scheck Teil 1:

Vor den Verdienst hat man auch im „Provost, Fellows and Scholars of the Holy and Undivided Trinity of Queen Elizabeth near Dublin“ (der offizielle Name des Hochschülchens) den Schweiß gesetzt, aber am 24.9. sollte es soweit sein – mein Scheck wird ausgestellt.

Eine Email wies mich darauf hin, dass man ja keinerlei Bankdetails von mir habe, mir deshalb ein Scheck ausgestellt werden würde, den ich am Dienstag zwischen 9.30 und 11 Uhr abhohlen kann. Bei dieser Gelegenheit kann ich auch gleich meine Bankdaten hinterlegen. Natürlich wusste ich, dass es möglicherweise schwierig wird, einfach das deutsche Konto anzugeben, aber meine Chefin meinte „Manchmal machen die dann einfach“ über die irische Behördenmentalität – dumm stellen und abwarten.

Im Treasuerers Department angekommen muss die Öffentlichkeit durch ein per Keypad gesichertes Türchen gehen, um den Wegweiser zum entsprechendem Raum zu finden. Findest du keinen Mensch auf dem Gang, der den Code kennt, hast du sofort verloren – ich hatte hierbei Glück.

Allerdings verließ mich dieses nach der Tür auf der Stelle. Nein, man könne keine deutschen Konten bedienen, wie stelle ich mir das denn vor? Nein, auch wenn Sie nur noch 2 Monate hier sind, müssen Sie ein Konto eröffnen und NEIN nur weil wir Ihren Scheck hier schon liegen haben, heißt das nicht, dass Sie ihn sich nehmen können, ohne vorher Kontodaten hinterlegt zu haben.

Ich fasse zusammen:
Kein Scheck, weil keine Kontodaten, weswegen ein Scheck ausgestellt wurde.

Bank Teil 1:

So leicht lassen wir uns natürlich nicht die Suppe vom Brot nehmen, im Eiltempo einmal über die Dame Street gehirscht und die Ulster Bank gestürmt. Der freundliche Schlipsmensch am Schalter war auch sofort bereit, mir ein Konto aufs Auge zu drücken. Identitätskrise – ähhm ~Nachweis hab ich natürlich dabei, jaja, der Perso reicht, oder? Na gerne doch. Dann aber noch einen Proof of Residence?

Mist!

Ich versuchte herauszufinden, was er denn da sehen möchte, und da das mit der PPS-Nummer so leicht war, führte ich die Möglichkeit des Arbeitgeber-Briefes an, ohne Erfolg. Auch meine zugesendeten PPS-Unterlagen schienen den Herrn nicht im Geringsten zu befriedigen, ich möge doch meinen Stromversorger anrufen und meinen Namen auf die nächste Rechnung setzen lassen, dann kann ich wiederkommen.

Ich fasse den Dienstag zusammen:
Kein Scheck weil keine Kontodaten, weil kein Konto, weil keine Energy Bill, weswegen ein Scheck ausgestellt wurde.

Bank Teil 2+3:

Neuer Tag, neues Glück – und glücklicherweise wenig zu tun, weshalb der nächste Bankgang anstand, heroisch kämpfte ich mich durch Horden marodierender Touristianer aller Nationen, um zur Allied Irish Bank zu gelangen. Dort erzitterte ich als Erstes vor dem wohl ausgeklügelsten Sicherheitssystem, seit die USA ihre Fluggäste per Vorabformular ausfragen, ob sie einen Anschlag planen und wenn ja, wie viele. Es handelte sich dabei um ein zweiteiliges, halbgläsernes Türensystem, welches man per Knopfdruck entriegelt, sich dann im Aquarium dazwischen einschließen lässt um, wenn die Türe hinter einem verriegelt wurde, die zweite Tür mittels nochmaligen Knopfdruck zu entriegeln und in die Bank zu gelangen. Die können froh sein, dass ich es nicht eilig hatte.

Sicherheit hin oder her, es hielt eine riesige Schlange Leute nicht davon ab, sich vorm Schalter einzureihen. Ein um Zerstreuung (der Massen) bemühter Bankangstellter ließ sich nacheinander vorab von den Wartenden erzählen, was sie hier wollen. Nachdem er einen bankrotten Herren höheren Alters abgewimmelt hatte, stand er bei mir. Ach, Account eröffnen, ja kein Problem, das geht ganz fix, haben Sie die benötigten Dokumente dabei? Was, ja klar reicht der PPS-Bescheid als Proof of Residence. Nur sollten Sie das Konto nicht hier eröffnen, sondern in der Filiale beim River Liffey, hier dauert das Prozedere 2 Wochen, dort unten machen die das gleich.

Nun gut, nochmaliges Durchschwimmen des Touristengewimmels und die Türzeremonie bei der anderen Bankfilliale wiederholen.

Was, einen Bankaccount wollen Sie eröffnen, ja haben Sie denn einen Termin? Nein, mag ja sein, dass die bei der anderen Filliale das gesagt haben, aber wir haben unsere Geschäftsbedingungen erst letzte Woche geändert, möglich, dass die das nicht wussten. Kommen Sie bitte morgen um 11.30 wieder.
Wenigstens versicherte mir die Frau, dass auch hier die PPS als Nachweis reicht…

Fassen wir also wieder zusammen:
Kein Scheck weil keine Kontodaten, weil kein Konto, weil keine Energy Bill und kein Termin, aber ein PPS-Bescheid, weshalb ich morgen noch mal kommen soll, weswegen ein Scheck ausgestellt wurde.

Scheck Teil 3:

11:30, nahezu High Noon in der irischen Hauptstadt, ein einsamer Fremder glitt langsam die Straße am College Green entlang, sie hatten ihn gedemütigt, verlacht und gehetzt, doch heute sollte sich alles zum Besten wenden. Mit einem Multimeter im Anschlag und seinem ausgefüllten Bankformular im Rücksack überquerte er die letzte Straße, die ihn von seinem Ziel trennte. Dabei immer der Gefahr gewahr, welche von den schnaubenden Volvo-Doppeldeckerbussen herrührte, wenn man rote Ampeln überquert.

Die Saloontüre 1 öffnete sich mit mechanischem Rasseln, Türe 2 tat es ihr nach zwei vergeblichen Versuchen mit dem OPEN-Knopf gleich.

Da war er.

Und er bekam sein Konto innerhalb von 20 Minuten, nun wird auch irgendewann die nächsten Tage eine EC-Karte eintrudeln usw. usf.

Ermutigt durch den unerwarteten Erfolg zog er weiter zum nahegelegenen Kolonialwarengeschäft, um seine hart verdienten Kürbisse abzuholen. Wie alle Kolonialwarengeschäfte hatte dieses aber für Angestellte nur 1,5 Stunden geöffnet und er hatte damit das letzte Dampfross verpasst. Ein Telegraph wurde ihm vom Sherrif gereicht, welcher in der Eingangshalle Posten bezogen hatte. Am anderen Ende telegraphierte der letzte verbliebene Schreiberling aber nur wenig Ermutigendes.

Ja, das tut mir leid, Sie haben die Öffnungszeiten verpasst, bitte kommen Sie nächsten Dienstag wieder, um den Scheck abzuholen ich kann Ihnen den jetzt nicht aushändigen. Es nützte auch nichts, deutlich darauf hinzuweisen, welches Department mich die ganze Woche mit Rennerei versorgt hatte, hier konnte selbst ein Colt nichts ausrichten, geschweige denn das Multimeter für 10 €, welches ich dabei hatte.

Das Resümee für Donnerstag:
Kein Scheck, weil jetzt zwar endlich Kontodaten, weil vorher kein Konto, weil keine Energy Bill aber ein Termin und ein PPS-Bescheid, weshalb ich morgen nochmal gekommen war, worauf ich den Scheck haben wollte, welcher nicht ausgegeben werden konnte, weil keine Öffnungszeit mehr, weswegen ein Scheck ausgestellt wurde.

Scheck Teil 4:

Dienstag, ich habe tatsächlich den Scheck bekommen und nach einer kurzen Zeit (die Bank hatte dienstag nur bis 4 auf, also -das kennen wir schon- Mittwoch nochmal) konnte ich ihn auch einlösen. Nun dauert es 5 Werktage bis das Geld auf dem Konto landet.

Ich schließe mit einem vorsichtigen „Ende gut alles gut?“

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blackengineer

blackengineerHier soll ich nun also Halbwahrheiten über mich verkünden: Es gab einmal den schönen Spruch "Wir sind die geworden, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben". Das trifft die Sache allerdings nicht unbedingt im Kern. Aber von vorn: Ich bin durch die Hölle gegangen, was in Fachkreisen auch "Studium der Elektrotechnik" heißt, und nun Ingenieur. Entgegen der landläufigen Meinung bin ich auch in der Lage, Dinge nicht ironisch auszudrücken (siehe letzter Satz), was aber für diesen Blog weitestgehend ignoriert werden darf. Das Studium fand in Dresden statt, wo ich auch meine Freundin Sarah fand, ohne die dieses Stück Internet nie entstanden wär. Ich bin ein vielinteressierter Geist und spiele gern mit Gedanken, Worten und... naja, hin und wieder auch gern Computer ;) Die Leidenschaft für alles, was mit Strom funktioniert, habe ich seit Kindesbeinen, was meinen Eltern sicher noch erschreckend bewusst sein dürfte, und da waren dichte beißende Lötdampfschwaden aus dem Keller, explodierende Kondensatoren vorm Frühstück und leidlich mit Tesafilm isolierte 230V-Stromkabelverbindungen (funktioniert bis heute!) noch harmlose Beispiele (man erinnere sich an den oben angebrachten Spruch) . Man ist mittlerweile professioneller geworden, stolzer Besitzer eines immer weiter wachsenden privaten Elektroniklabors und momentan - in Dublin: Der eigentliche Aufhänger für unseren Blog, wobei ich fürchte, dass dieser weiter wuchern wird, wenn wir im Dezember wieder deutschen Boden unter den Füßen haben. Was mache ich hier? Diese Frage wird ausführlich in den Artikeln dieser Site bearbeitet, nur kurz: Ich bin sowas wie die Geheimwaffe des Trinity Colleges für und gegen alle analogtechnischen Probleme und Entwicklungen. Eine letzte Frage sollte ich hier noch klären: WARUM DIESER NICK? ...Es begab sich, dass ich meine Hose wusch, und dieses kurzbeinige Exemplar schwarzer Baumwolle aus einem szeneeinschlägig bekannten Bekleidungsgeschäft trug diesen Namen. Klasse, dacht' ich mir, das passt zu dir – außerdem find' dich über Google keiner – dieser Nickname, das wird meiner.View all posts by blackengineer →