Irische Pünktlichkeit und das Talent, sich zu verlaufen

Nach der ersten Arbeitswoche bestätigt sich der Eindruck: hier von einem Ort zum anderen zu gelangen ist gar nicht so einfach. Interessant ist auch, worauf man dabei so alles stößt.

Irische Pünktlichkeit und das Talent, sich zu verlaufen

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Nach der ersten Arbeitswoche bestätigt sich der Eindruck: hier von einem Ort zum anderen zu gelangen ist gar nicht so einfach. Interessant ist auch, worauf man dabei so alles stößt.

Irische Pünktlichkeit

Die Zeit vergeht schnell in Dublin: ich habe mittlerweile mein Übersetzerpraktikum angetreten und die erste Arbeitswoche hinter mir. Das Leben in Dublin wird zur Normalität, man beginnt, ganz selbstverständlich die WG mit „Zuhause“ zu bezeichnen und häufig gegangene Wege werden zum Alltag. Ganz so einfach ist das mit den Wegen aber nicht immer, und in den ersten Arbeitstagen musste ich feststellen, dass man hier nicht davon ausgehen darf, jeden Tag zur gleichen Zeit an einem Ort anzukommen, nur weil man zur gleichen Zeit das Haus verlässt.

Altes Tor

Es ist doch offensichtlich, dass es sich hierbei um eine Bushaltestelle handelt. Oder?

verbranntes Schild

Vielleicht hätte ich es diesem Schild entnehmen sollen.

Der Luas fährt zwar vorhersagbarer als die Busse, über die ich bereits berichtet hatte (was daran liegen könnte, dass er die Schienen nicht verlassen kann), hat jedoch keine festen Abfahrtszeiten und braucht je nach Tageszeit unterschiedlich lange. Für den Rest des Weges wird ein Shuttlebus angeboten, welcher jedoch nicht nur genauso beliebige Abfahrtszeiten, sondern auch keine feste Haltestelle hat. Ich brauchte zwei Tage, um herauszufinden, dass sich die „Haltestelle“ vor einem rostigen Tor in einer Seitenstraße befindet, wo man dann auch relativ zuverlässig irgendwann abgeholt wird. Das Ganze hat durchaus etwas Entspanntes: mit der Pünktlichkeit nimmt man es hier nicht so genau, und Erzählungen zufolge kann man hier auch mal wegen nicht fahrender Busse eine Stunde zu spät zum Bewerbungsgespräch kommen und fröhlich mit der Aussage begrüßt werden, das sei hier nichts Ungewöhnliches.

Das Talent, sich zu verlaufen

Wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen hat, entsteht das Bedürfnis nach Bewegung. Warmer Wind wehte, es war trocken draußen und so verzichtete ich wiederholt auf den Shuttlebus und ging zu Fuß den Weg von meinem Büro zur Luas-Haltestelle. Dies widerspricht dem Wunsch, nachmittags um fünf relativ schnell heimzukommen. Ich habe bisher drei verschiedene Möglichkeiten gefunden, den Fußweg von angeblich 10 bis 15 Minuten auf über 30 Minuten auszudehnen, was mich im Entschluss bestärkte, mir einen guten Stadtplan zu besorgen. Vielleicht existiert der kurze Weg überhaupt nicht, vielleicht besitze ich aber auch einfach nur das ausgeprägte Talent, mich zu verlaufen.

Schild

Die Dubliner machen gerne deutlich, was sie von Verbots- und Hinweisschildern halten.

Auf meinen Irrgängen fragte ich diverse Menschen nach dem Weg, bekam immer sehr freundliche und meist sogar hilfreiche Antworten und hatte manchmal spontan Lust, mich einfach hinzusetzen und den Rest des Tages draußen auf der Straße zu verbringen. Der Wind wehte immer noch, es war schön draußen in den letzten Tagen. Ich durchquerte Wohnviertel und kam an verlassenen Häusern vorbei, mit viel Stacheldraht und noch mehr Verbotsschildern. Die Iren mögen Verbotsschilder, vielleicht, weil sich niemand daran hält. Dem scheint man dadurch entgegenwirken zu wollen, dass man an einem Ort möglichst viele davon aufhängt. Manchmal fragte man sich, ob das, was hinter den Absperrungen verborgen lag, diese Bewachung überhaupt wert ist oder was jemanden dazu bewegen sollte, über einen hohen Zaun zu klettern, nur um auf einen verlassenen Parkplatz zu gelangen. Vielleicht gehört es hier für ein verlassenes Grundstück einfach zum guten Ton, von mindestens drei Security-Unternehmen überwacht zu werden.

Alles, woran jemand hochklettern könnte, wird gerne mit mehreren Lagen Stacheldraht gesichert. Selbst dann, wenn ein paar Meter weiter ein kleines und nicht sehr unüberwindbares Tor ist.

Alles, woran jemand hochklettern könnte, wird gerne mit mehreren Lagen Stacheldraht gesichert. Selbst dann, wenn ein paar Meter weiter ein kleines und nicht sehr unüberwindbares Tor ist.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Zu den Anordnungen, an die sich niemand hält, gehört es leider auch, keinen Müll in die Gegend zu werfen, wobei man dies mancherorts auf die in Massen vorhandenen Touristen schieben könnte. An einer Kirche in unserer Nachbarschaft scheint es jemand für eine effektive Möglichkeit der Entsorgung zu halten, Pappkartons auf die Spitzen des Zauns zu spießen. In einem kleinen Park liegen mitten auf dem Fußweg und inmitten von Glasscherben in einigem Abstand voneinander mehrere benutzte Kondome, eines davon fein säuberlich zugeknotet, als habe jemand auch die Ameisen vor Geschlechtskrankheiten schützen wollen.  Ein interessantes Phänomen stellt auch das Stück Mauer dar, welches den Eingang zu unserer Straße markiert. Nachts wird es wie eine Sehenswürdigkeit beleuchtet, während sich dahinter jeden Tag eine neue Kombination an Abfällen und Exkrementen findet. Zu den merkwürdigsten Gegenständen gehörten eine zusammengelegte Jeans, ein zugeknoteter Müllsack (welcher nach ein paar Stunden wieder verschwand) und Pappschalen mit Essensresten, wobei man sich nicht vorstellen kann, dass jemand an diesem Ort Nahrung zu sich nehmen wollte.

Angestrahlt und mit einer Art Landebahn versehen, aber ohne jegliche Erklärung, worum es sich handelt.

Angestrahlt und mit einer Art Landebahn versehen, aber ohne jegliche Erklärung, worum es sich handelt.

Rückseite der Mauer

Könnte man Geruch photographisch einfangen, müsste ich mich jetzt bei meinen Lesern entschuldigen.

About the Author

Sarah Ziegler

Sarah Zieglerstudiert Anglistik und französische Romanistik in Dresden, begeistert sich neben dem Lehramtsstudium fürs Übersetzen und Schreiben, lebte letztes Jahr einige Zeit für ein Übersetzungspraktikum in Dublin und ist momentan in Frankreich WWOOFen. Fasziniert von Katzen, schönen Wörtern, verlassenen Gebäuden, nachhaltigen Lebensweisen, alten Filmen, Photographie, schwarzem Humor und nächtlichen Sommergewittern.View all posts by Sarah Ziegler →

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