Ich kam, sah… und ging wieder

Oder der missglückte Versuch, ein normales Leben zu führen

Ich kam, sah… und ging wieder

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Oder der missglückte Versuch, ein normales Leben zu führen

Lange hat der geneigte Leser darauf gewartet, endlich melde ich mich wieder mit diesem kleinen Artikel zurück. Nun, jedenfalls bilde ich mir ein, man habe darauf gewartet.

Was bisher geschah:

Aus Dublin zurückgekehrt, stürzte ich mich alsdann in allerlei ernsthafte Unternehmungen. Da waren vor allem Punkt 1 „Scheiße, es ist fast Weihnachten!“ sowie das damit verbundene Grübeln über passende Geschenke – und Punkt 2, mein Bewerbungsgespräch.

Also in den Frack geschlüpft, Hemd und Schuhe in Fasson gebracht und ins Auto gesprungen, denn der Termin war schon nah. Der Witz des Tages war, dass mir kurz vor Erreichen der Parklücke mein Auspuff abfiel – na die Leute haben nicht schlecht gestaunt, schließlich hält mich mein feiner Zwirn ja nicht davon ab, unterm Fahrzeug nach dem Rechten zu sehen, das Rohr notdürftig mit einem Kabel festzuzurren und dann friedlich fluchend in die Firma zu watscheln.

Kurzum, ich hatte den Job und sollte demnächst als Elektronikentwickler dort arbeiten. Man benötige ja auch ganz dringend Unterstützung, wurde mir versichert. GENIAL! Los geht’s, außerdem zahlen sie nicht schlecht und man möchte nun ja mal etwas vom „richtigen Leben“ erleben.

Das Richtige Leben und die Mundwinkel von Jericho

Der 15. Januar 2014, Mittwoch 7 Uhr. Meine Chefin überschlug sich fast vor Freude, als wir im Detail diskutierten, was meine erste Aufgabe sein würde: ein 2-Draht-Verstärker, also ein Etwas, welches seine Betriebsenergie über zwei Kabel bekommt und über diese beiden auch sein Messignal abgibt. Ein Telephon macht das auch so, also klar, sollte kein großes Problem sein, eine Leiterplatte dafür zu entwickeln.

Man führte mich in mein zukünftiges Büro, bevölkert von drei anderen Entwicklern, davon einer, der Dienstälteste, mit einem besonders begeisterten Gesichtsausdruck.

Anatomisch erklärbar war der Anblick, der sich mir bot, schon fast nicht mehr, eine grimmige Plastikmaske in der Mikrowelle, meinetwegen, aber welch Unwille spricht aus diesem Mensch? Da saß ich nun, ich armer Tor… zu allem Überfluss auch noch an einem Rechner aus der Steinzeit, dessen Festplatte manchen Staubsauger soundmäßig in die Ecke gedrängt hätte. Aber man kam ins Gespräch… und mit jedem Tag verstand ich diesen Mensch mehr.

Innerhalb von 3-4 Tagen konnte ich einen Grobabriss über die Firma und ihre Insassen machen.

Die Chefetage: sich selbst nicht grün, Wachstum über alles, am liebsten will man den zehnfachen Umsatz als im vergangenen Jahr, kleiner Wermutstropfen: man hat keine Idee, was man Neues verkaufen könnte, um dahin zu kommen.

Was uns zu uns, den Entwicklern, bringt:

Da gibt es zwei Arten, die, die gekündigt haben, weil ihnen ein „Habt mal eine tolle Idee für ein neues Produkt, darf aber nix kosten und ein konkretes Problem zum Lösen können wir euch auch nicht geben“ zu doof war. Dann die, die sich mit der Situation arrangiert haben, ein wenig vor sich hin entwickeln – und dem Betriebsklima den Rest geben.

Ich stand nun also jeden Morgen früh auf, fragte mich schon in der Straßenbahn, was ich heute wieder den ganzen Tag anstellen sollte, denn wie sich rausstellte, gab es schon 3 Entwürfe eines solchen Verstärkers und auch die paar weiteren Dinge, um die ich mich zu kümmern hatte, waren innerhalb von Stunden erledigt. Frustriert, wie verschwendet die 8 Stunden auf Arbeit waren, stand ich abends wieder in der Straßenbahn, war dann froh, daheim zu sein, und beizeiten im Bett.

Natürlich weiß ich, dass so der Alltag der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung aussieht, und bisher hielt ich mich auch nicht für arbeitsscheu, aber dennoch hatte ich mir nach diesem beinharten Studium ein wenig mehr erhofft. Ich schaute mir das Treiben ganze zwei Wochen an, dann suchte ich mir ein Muster im Internet, für meine Kündigung.

Pläne für die Zukunft? Naja, auf jeden Fall nicht SO. Der glückliche Umstand, dass man aus dem fernen Irland immer noch einiges für mich zu tun hat, erleichterten natürlich den endgültigen Entschluss: Selbstständiger Hardwareentwickler.

Aber eins nach dem anderen, eines schönen Montagmorgens fuhr ich wieder auf Arbeit, die Chefs waren nicht da und auch nur einer meiner Bürogenossen. Auch nicht schlimm, ich glaube, der Mitmensch war zu geschockt, oder einfach nur müde, jedenfalls konnte er nicht lachen, als ich ihm mit der leichten Verballhornung des Cäsar’schen Leitspruches alles Gute wünschte. Also wenn man hier nicht mal Witze reißen kann, nix wie weg.

Und denn? Denn…

Hab ich mir ein Zugticket gekauft und bin an die spanisch-französische Grenze gekutscht, alle, die die anderen Blogartikel hier gelesen haben, ahnen es schon: Can Decreix.

In den folgenden 2 Wochen entstanden neben einer schwerkraftgetriebenen Heißwassersolaranlage für das Haus, tollen neue Bekanntschaften und natürlich unvergesslichen Tage mit meiner Frau – Ideen für die Zukunft.

Ich will kein Millionär werden, dafür habe ich lieber Zeit, Zeit für all die Dinge, die das Leben eigentlich ausmachen. Die Sonne genießen, mit Freunden zusammen sein, mich meiner Hobbys widmen und zum Geldverdienen etwas tun, was befriedigend ist und Sinn hat. Außerdem fühle ich mich fast schon in der Pflicht – als Mann von Fach sozusagen – mich um Technik mit ökologischem Nutzen, alternative Energien und all den Krempel zu kümmern.

Nun sitze ich in meiner Wohnung, in der sich Kisten türmen mit allerlei seltsamen Dingen darin für diverse Schaltungen, die ich für meinen Lebensunterhalt austüftele – ohne Mist, das scheint zu funktionieren. Kann mich auch mitten am Tag einmal ein paar Stunden draußen in die Sonne setzen, verbessere meine Mini-Solaranlage auf dem Dach, auf dass sie demnächst neben dem Laden des Handys auch noch Telephon und Router mit Strom versorgt und ihre überschüssige Energie als Wasserstoff speichert, aber all das später im nächsten oder übernächsten Artikel.

Und warum…

Schreibe ich arbeitsscheues Gesindel so etwas hier, was soll das Ganze?

Vor allem könnte es ja sein, dass sich unter euch Lesern Menschen befinden, die auch in einer ähnlichen unschönen Situation feststecken und grübeln, wie und ob sie etwas daran ändern können.

Na klar, nur Mut, aber fragt bitte vorher nicht das Internet zu sehr aus, wie es ist, als was auch immer ihr euch vorstellt. Das kommt in etwa  auf dasselbe heraus als wenn man die Suchmaschine mit einem körperlichen Symptom eines Zipperleins füttert. „Hmm ein Kribbeln im Zeh *tipptipp* OH MEIN GOTT ich hab Krebs!“ – wirklich, so könnte es einem gehen.

About the Author

blackengineer

blackengineerHier soll ich nun also Halbwahrheiten über mich verkünden: Es gab einmal den schönen Spruch "Wir sind die geworden, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben". Das trifft die Sache allerdings nicht unbedingt im Kern. Aber von vorn: Ich bin durch die Hölle gegangen, was in Fachkreisen auch "Studium der Elektrotechnik" heißt, und nun Ingenieur. Entgegen der landläufigen Meinung bin ich auch in der Lage, Dinge nicht ironisch auszudrücken (siehe letzter Satz), was aber für diesen Blog weitestgehend ignoriert werden darf. Das Studium fand in Dresden statt, wo ich auch meine Freundin Sarah fand, ohne die dieses Stück Internet nie entstanden wär. Ich bin ein vielinteressierter Geist und spiele gern mit Gedanken, Worten und... naja, hin und wieder auch gern Computer ;) Die Leidenschaft für alles, was mit Strom funktioniert, habe ich seit Kindesbeinen, was meinen Eltern sicher noch erschreckend bewusst sein dürfte, und da waren dichte beißende Lötdampfschwaden aus dem Keller, explodierende Kondensatoren vorm Frühstück und leidlich mit Tesafilm isolierte 230V-Stromkabelverbindungen (funktioniert bis heute!) noch harmlose Beispiele (man erinnere sich an den oben angebrachten Spruch) . Man ist mittlerweile professioneller geworden, stolzer Besitzer eines immer weiter wachsenden privaten Elektroniklabors und momentan - in Dublin: Der eigentliche Aufhänger für unseren Blog, wobei ich fürchte, dass dieser weiter wuchern wird, wenn wir im Dezember wieder deutschen Boden unter den Füßen haben. Was mache ich hier? Diese Frage wird ausführlich in den Artikeln dieser Site bearbeitet, nur kurz: Ich bin sowas wie die Geheimwaffe des Trinity Colleges für und gegen alle analogtechnischen Probleme und Entwicklungen. Eine letzte Frage sollte ich hier noch klären: WARUM DIESER NICK? ...Es begab sich, dass ich meine Hose wusch, und dieses kurzbeinige Exemplar schwarzer Baumwolle aus einem szeneeinschlägig bekannten Bekleidungsgeschäft trug diesen Namen. Klasse, dacht' ich mir, das passt zu dir – außerdem find' dich über Google keiner – dieser Nickname, das wird meiner.View all posts by blackengineer →

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