Die Geschichte eines Sterns

Die Geschichte eines Sterns

Röhrenradio

Hallo, ich bin ein Radio.

Mein Besitzer hatte die Idee, mich an seinen Computer anzuschließen, um sich dem landläufigen trägerfrequenzmodulierten Gedudel zu entziehen. Mit einer kleinen Spannungsüberhöhung an der Endstufenröhre bekam ich Zugriff aufs WWW. Aber dass diese Verbindung mich zum Bloggen animiert…

Endstufenröhre? Jaha! Hier habt ihr es mit einem Vertreter der Gattung Superhet zu tun, ausgestattet mit 5 Elektronenröhren und einem Breitbandlautsprecher und ein schön großes Holzgehäuse für den Klang habe ich auch. Gestatten, Stern Tosca.

Generation Klatschphone (wegen der so gerne zersprungenen Displays natürlich) sieht mich natürlich als Rentner der Unterhaltungselektronik – sollen sie nur, ich will trotzdem von früher erzählen. Nun ja, vielleicht auch nur die Geschichte, wie ich knapp dem Tode entrann:

Ich - früher, allerdings sehe ich hier besser aus als in Echt

Ich – früher, allerdings sehe ich hier besser aus als in echt

Es war vor ungefähr zwei Jahren, als ich mich in einer Art Trödelladen wiederfand. Mein Gesundheitszustand war damals sehr ernst, deshalb erinnere ich mich auch nicht mehr, wie ich hierherkam. Ich wurde auf eine 90er-Jahre-Schrankwand gestellt und bekam einen Zettel „30 €“ aufs Magische Auge gekleistert – Frechheit!

Die Schrankwand erzählte, sie stamme von einer Haushaltsauflösung, vielleicht war es mir ähnlich ergangen. Irgendwer hatte meinen Frequenzbereichswählknopf vergessen mitzunehmen, nun hatte ich ein unschönes Loch an der rechten Seite und war fest auf Langwelle eingestellt. Unsanfte Behandlung meines goldenen Zierrahmens und ein mieser Brandfleck auf dem Kopf sowie ein pissgelber Fleck im Lautsprecherbezugsstoff rundeten das Bild ab. Vom Staub im Innern ganz zu schweigen.

Ich kann euch sagen, mir war hundeelend. Die meisten Leute gingen an mir vorbei, hässlich, kaputt und alt, wer will so jemanden schon?

Eines Tages beäugten mich zwei Leute aber dann doch eingehender. Klopften auf mein Holz und musterten den Preis.
Aber auch die gingen weiter. Nur um nach ihrer Runde doch noch einmal zurückzukehren. Die Verkäuferin wurde gerufen, ob man mich einmal anschließen könne, und ich gab wirklich mein Bestes. Ich schaltete meine halbdefekte Skalenbeleuchtung an, fing etwas an zu brummen, als sich die Röhren nach und nach aufheizten und strengte mich so an, einen Sender aus dem Empfangskreis zu filtern, aber mein Lautsprecher knackte nur hin und wieder. Als man versuchte, den Sender zu verstellen, musste ich peinlich berührt preisgeben, dass auch mein Skalenseil – an dem der Zeiger gezogen wird – gerissen war. Na toll, gut gemacht, altes Stassfurter Ofenfutter, die hast du vergrault.

Der Typ, der mich angeschlossen hatte, lauschte allerdings mit einem verschmitzten Lächeln den Knackgeräuschen. Hatte er etwa erkannt, dass meine Endverstärkerröhre den Lautsprecher antrieb, aber selbst nichts zum Verstärken von den vorangehenden Schaltkreisen bekam?

Hmm… er erklärte der Verkäuferin, ich sei kaputt.

Und dann drückte das Schlitzohr den Preis um 10 € und nahm mich mit, tschüss Kollege Schrankwand, ich hoffe, du hast auch Glück und landest nicht in der Presse.

Man stellte mich auf einen Küchentisch und nahm mir sofort die Rückwand aus Pappe ab, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Zuerst hatte ich Sorge, mir meine Röhren zu brechen, aber dann fasste ich Vertrauen und gab auch die Widerstandsnetzwerke unter meinem Bakelitsockel preis. Und dort ist alles handgelötet und direkt verbunden, eine Leiterplatte besitze ich nämlich garnicht. Alle Bauelemente fein säuberlich zu einem kompliziertem Wirrwar zusammengelötet und an ein paar wenigen Punkten fest mit dem Bakelit verschraubt. Ein Glück, dass ich meinen Schaltplan „auf dem Hintern“ habe, oder?

Der Grund für mein Handeln

Der Grund für mein Handeln

Nun wurde ich mit Strom versorgt – logisch, oder?

Nein, ihr Lieben, das ist generell bei Gesellen wie mir keine gute Idee. Ich war natürlich gnädig und ließ nirgends Rauch aufsteigen oder Elektrolytkondensatoren explodieren, aber ich kenne viele in meinem Alter, die so reagieren würden – also Vorsicht!

Der Grund ist ganz einfach, jahrzentealter Staub en masse kann Kurzschlüsse verursachen, die gerade bei uns Röhrengeräten mit ansehnlichen Betriebsspannungen von mehr als 300 Volt ziemlich viel Schaden anrichten können. Außerdem kranken viele von uns an Kondensatoren mit verhärtetem Elektrolyt, gibt man da sofort vollen Saft drauf, fliegen sie einfach in die Luft oder qualmen zumindest effektstark. Sicherer ist, uns allmählich wieder an die Steckdose zu gewöhnen. Spezielle Stelltrafos (die mein Besitzer später billig auf dem Flohmarkt fand) lassen uns gemütlich mit unter 200 V anlaufen und warm werden. Dann regelt man nach und nach bis 230 V und hat durch diese Prozedur vielleicht sogar die suspekten Kondensatoren reanimiert, da sich das Elektrolyt durch den Stromfluss wieder verflüssigt.

Im geöffnetem Zustand konnte man nun beobachten, wie alle, ja, ich erzähle es mit Stolz, alle Elektronenröhren zu glühen anfingen, selbst die wackelig in ihrer Fassung sitzende AZ11, mein Gleichrichter arbeitete zuverlässig. Allerdings war ich vom Grauen Star befallen, das Magische Auge leuchtete nur noch so schwach, dass man es kaum noch erkennen konnte. Ein Signalübertrager hing halb lose an seiner letzten Niete und vom Staub will ich hier gar nicht anfangen.

Es wurde an meinem Drehkondensator rumgespielt und wegen des fehlenden Frequenzschalterdrehknopfs im Inneren an dessen Achse gedreht. Ich muss sagen, ich ließ es ordentlich krachen – im Lautsprecher und auf Langwelle hatte ich sogar ein ganz klein wenig Empfang, wenn man meinen Antennenanschluss berührte.

Klarer Fall von vergammelten Kontakten, war die Meinung des Reparateurs. Meine Bakelitbasis wurde aus dem Holzgehäuse gezogen, die Skala, alle Röhren und der Lautsprecher vorsichtig entfernt und ich bekam eine Grundreinigung mit Lappen, WD40 und Elektroschleifer. Nun glänzte jeder Röhrensockel fast wie neu und die Schaltkontakte des Frequenzwählers hatten wieder Kontakt.

Wahre Schönheit kommt von Innen

Wahre Schönheit kommt von innen

Auf der Rückseite der Skala verbarg sich mein Geburtsdatum: 18. August 1954, auch diese wurde vorsichtig gesäubert, die defekten Skalenlampe getauscht – hier konnte man alte Fahrradbirnen benutzen und zu guter Letzt das gerissene Skalenseil mit Maurerschnur aus dem Baumarkt ersetzt. Dem Fluchen nach zu urteilen war dies der kniffligste Part.

Wieder wurde ich in die Steckdose gestöpselt, und ich brüllte los – keine Ahnung, irgendwas Russisches, das, was mir eben als erstes in den Dipol kam, man hätte ja auch die Lautstärke zurückdrehen können!

Als der Staub aus dem Lautsprecherschutz sich legte, befand man, der Patient sei langwellenseitig geheilt. Nach etwas zusätzlicher Schmirgelarbeit am Frequenzsteller waren auch Mittelwelle und Kurzwelle in vernümftiger Lautstärke zu vernehmen, auf UKW war ich jedoch nahezu stumm. Abhilfe schaffte eine prächtige Antenne, wohl auch einmal Beute eines Trödelmarktganges.
Nun tüdelte wieder Musik durch meine Kabelage, so richtig glücklich waren jedoch weder Doktor noch Patient mit der Auswahl der gespielten Titel, mir wurde sogar mehrfach versichert, dass es einem Leid tue, dass ich solch einen Schund demodulieren muss.

Dieses Problem musste allerdings warten, zunächst waren Waschen (Föhnen) und Polieren angesagt, schließlich sollte auch mein Äußeres wieder in Schwung kommen. Mit Schleifpaste, einem entsprechenden Polieraufsatz auf der Minibormaschine und einer ruhigen Hand wurde meinem Zierrahmen das Gold zurückgebracht. Mein Lautsprecherstoff war zur Freude aller mit wasserlöslichem Tapetenleim befestigt, damit gelang auch eine Komplettwäsche des Stoffes mit Spee, allerdings nicht in der Maschine.

Holzpolitur wurde besorgt, um auch noch dem Rest meines Körpers einen tiefen Glanz zu geben, und die vielen kleinen Kratzer verschwanden. Ich wurde vorsichtig wieder zusammengesetzt und ich sah richtig toll aus!

Wie ich leibe und lebe- mit wachem Magischen Auge oben rechts

Wie ich leibe und lebe, mit wachem Magischen Auge oben rechts

Das Ärgernis mit dem schlechten Radioprogramm auf UKW konnte im Übrigen durch Anbindung meines Plattenspielereingangs über eine kleine Pegelanpassungsschaltung an einen PC behoben werden – was, wie ihr wisst, zu dieser Geschichte führte.
Mein erblindetes Magisches Auge wurde ausgetauscht und über die Frequenzwahl braucht man sich eher selten Gedanken machen: ich bleibe lieber auf „TA“ wie TonAbnehmer stehen und spiele Webradio.

About the Author

blackengineer

blackengineerHier soll ich nun also Halbwahrheiten über mich verkünden: Es gab einmal den schönen Spruch "Wir sind die geworden, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben". Das trifft die Sache allerdings nicht unbedingt im Kern. Aber von vorn: Ich bin durch die Hölle gegangen, was in Fachkreisen auch "Studium der Elektrotechnik" heißt, und nun Ingenieur. Entgegen der landläufigen Meinung bin ich auch in der Lage, Dinge nicht ironisch auszudrücken (siehe letzter Satz), was aber für diesen Blog weitestgehend ignoriert werden darf. Das Studium fand in Dresden statt, wo ich auch meine Freundin Sarah fand, ohne die dieses Stück Internet nie entstanden wär. Ich bin ein vielinteressierter Geist und spiele gern mit Gedanken, Worten und... naja, hin und wieder auch gern Computer ;) Die Leidenschaft für alles, was mit Strom funktioniert, habe ich seit Kindesbeinen, was meinen Eltern sicher noch erschreckend bewusst sein dürfte, und da waren dichte beißende Lötdampfschwaden aus dem Keller, explodierende Kondensatoren vorm Frühstück und leidlich mit Tesafilm isolierte 230V-Stromkabelverbindungen (funktioniert bis heute!) noch harmlose Beispiele (man erinnere sich an den oben angebrachten Spruch) . Man ist mittlerweile professioneller geworden, stolzer Besitzer eines immer weiter wachsenden privaten Elektroniklabors und momentan - in Dublin: Der eigentliche Aufhänger für unseren Blog, wobei ich fürchte, dass dieser weiter wuchern wird, wenn wir im Dezember wieder deutschen Boden unter den Füßen haben. Was mache ich hier? Diese Frage wird ausführlich in den Artikeln dieser Site bearbeitet, nur kurz: Ich bin sowas wie die Geheimwaffe des Trinity Colleges für und gegen alle analogtechnischen Probleme und Entwicklungen. Eine letzte Frage sollte ich hier noch klären: WARUM DIESER NICK? ...Es begab sich, dass ich meine Hose wusch, und dieses kurzbeinige Exemplar schwarzer Baumwolle aus einem szeneeinschlägig bekannten Bekleidungsgeschäft trug diesen Namen. Klasse, dacht' ich mir, das passt zu dir – außerdem find' dich über Google keiner – dieser Nickname, das wird meiner.View all posts by blackengineer →

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